Mitgliederbereich | Impressum | Sitemap
07_EVfK_Petzold_2_0712.pdf

Anerkennen, Kohärenz und Resonanz als Hintergrund der Kinesiologie (Teil 2)
Autor: Theodor Dierk Petzold

In der letzten Ausgabe der CO‘MED ging es im ersten Teil dieser Abhandlung um das Anerkennungsprinzip als Grundlage eines Neuen Denkens, das eine „Sowohl-alsauch- Logik“ in Heilweisen zur Anwendung bringt. Es gilt auch anzuerkennen, dass wir es beim Thema Gesundheit mit einer Dynamik, also mit Veränderung, zu tun haben. Deshalb fokussieren wir die gesunden Entwicklungsprozesse (Salutogenese) der Patienten. Um unser therapeutisches Wirken wie auch andere Interaktionen dynamisch verstehen zu können, ist ihr Verständnis als Resonanz, als Mitschwingen in Eigenschwingungen, hilfreich. Die Basis für Resonanz ist Kohärenz – eine „gemeinsame Wellenlänge“. Dazu gehört eine Sensibilität für attraktive Gesundheitsziele – motivierende „Attraktoren“ – ebenso wie für bedrohliche Abwendungsziele. Wie sieht jetzt die Anwendung dieser Erkenntnisse und Geisteshaltung in der Behandlungspraxis aus?

 

Kybernetik der Heilung – kommunikative Selbstregulation

Diesen metaphysischen Attraktor mit dem Namen „Gesundheit“ / „Stimmigkeit“ erkennen wir als die steuernde, regulierende Führungsgröße an. Es genügt auch, dieMöglichkeit dieser maßgeblichen, regulierenden Zielinformation anzuerkennen. Wir können dieser dem Organismus innewohnenden Zielinformation Namen geben: inneres Wissen, innere HeilerIn, Seele, Überselbst. Gemeint sind eine Information der Ganzheit und die Potenz zur Ganzheit des Organismus als synthetisierende Zielinformation für den Heilungsprozess.

Diese virtuelle Zielinformation steuert die Heilung wahrscheinlich auf attraktive Weise, d. h. sie bildet für den nichtlinearen Prozess der Heilung den Attraktor. Mit „nichtlinear“ ist gemeint, dass die Heilung nicht geradlinig, sondern in mehreren Phasen, in mehreren Organisations- und Komplexitätsdimensionen verläuft, wobei die einzelnen Schritte eher chaotisch erscheinen. Der Heilungsvorgang bedeutet somit, dass der Organismus sich dem attraktiven Ziel, einem inneren, ungefähren Bild vom gesunden Organismus, auf nicht genau vorhersagbaren Umwegen annähert. Wenn der übergeordnete Attraktor „Stimmigkeit“ ist („Kohärenzgefühl“ bei Antonovsky 1997; „Konsistenzregulation“ bei Grawe 2004), dann erscheint die gesunde Selbstregulation als eine Stimmigkeits- oder Kohärenzregulation (Petzold 2010, 2011a,b,c, 2012b).

Für seine Heilung braucht der Mensch zusätzlich zu dem attraktiven gesunden Zielbild noch hinreichend gute Bedingungen, wie Sauerstoff, Licht, gesunde Nahrung, menschliche Anerkennung, Zuwendung u. a. m.

Wenn ein Mensch die Verbindung zu seiner Zielinformation verloren hat oder / und schlechte / störende Bedingungen für seine Entwicklung vorliegen, kommt seine Regulation ins Stocken und er kommt als Patient zu uns. Dann sollen wir einen Test machen. Auch Sicht der Philosophie des Anerkennens erscheint die kinesiologische Testung (wie jede gute Diagnostik und Therapie) als ein gemeinsamer Versuch von PatientIn und TesterIn, den Organismus (das System der PatientIn) in eine heilsame Resonanz zur Informationen seines inneren Heilwissens zu bringen und die dazu förderlichen Schritte herauszufinden.

Wir denken daran, dass der Testmuskel uns durch verminderte Stärke anzeigt, wenn die gegebenen bzw. angefragten Informationen nicht mit der gewünschten Heilung verträglich sind. Oder dass ein schwacher Muskel wieder stärker wird, wenn für die Heilung förderliche Stoffe, Gedanken, Verhaltensweisen oder Einstellungen gefunden sind.

Das Beobachterproblem

Wir verstehen uns bei unserer Aktivität selbst als integralen Teil eines größeren, lebendigen Systems.

Wir sind nicht die Macher einer gesunden Entwicklung, weder die Zauberer noch die ganz neutralen und objektiven Beobachter. Wir sind Teilhaber und Mitgestalter an der heilsamen Selbstregulation. Wir bestimmen nicht das Ziel der Entwicklung, sondern wollen mit dem betroffenen Organismus kooperieren, seinem Ziel, seiner Heilung näher zu kommen. Wir ordnen uns diesem gemeinsamen Ziel unter und dienen diesemZiel. („geteilte Intentionalität“ und Kooperation: vgl. Petzold 2012a; Tomasello 2011). Als Tester bringen wir unser Wissen und unsere Erfahrung über mögliche Ursachen, Verhaltensweisen und Behandlungsmethoden sowie unsere instinktiven und intuitiven Fähigkeiten in das gemeinsame System für Heilung ein. Gleichermaßen öffnen wir unser Vorstellungsvermögen für die Möglichkeit der Heilung. Aufgrund unserer Fähigkeiten und der Anamnese sowie ggf. der Untersuchung nehmen wir eine Auswahl möglicher Fragen, Testsubstanzen oder Lokalisationen vor und beginnen die Testung – jetzt ganz unvoreingenommen und offen für jedwedes Ergebnis.

Die Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts waren von dem Glauben – der sich inzwischen als Aberglauben herausgestellt hat – getragen, dass ihre experimentellen Beweise ganz unabhängig von den Experimentatoren, die Ergebnisse somit „objektiv“ wären. Erst in der Quantenphysik durften sie die Ent-täuschung erleben und feststellen, dass ein Testergebnis maßgeblich von dem Tester und seiner Fragestellung abhängt. Wollte ein Experimentator die Teilcheneigenschaften des Lichtes beweisen, gelang ihm dieses; wollte er die Welleneigenschaften beweisen, gelang ihm jenes. Das Beobachterproblem resultiert aus der Erkenntnis, dass zumeinen schon die Fragestellung und die Versuchsanordnung ein Ergebnis in eine bestimmte Richtung festlegen und zum anderen das Testergebnis durch die Erwartungen und Überzeugungen des Testers beeinflusst wird. (Natur-)WissenschaftlerInnen versuchen, diese Beeinflussung auszuschließen (in der Medizin z. B. durch Doppelblindversuche), was allerdings ein hoffnungsloses Unterfangen bleibt – wie inzwischen eine Reihe von Untersuchungen zeigt.

Ein Beobachter ist immer auch ein (Mit-) Gestalter.

Der andere Weg, mit diesem Beobachterproblem umzugehen, ist, wie gerade beschrieben, ganz bewusst aktiv am Geschehen teilzunehmen und dabei seine Absicht zu reflektieren. Als Therapeuten reflektieren wir unsere Aktivität unter dem Ziel von gesunder Entwicklung. Indem bei kinesiologischen Tests der Tester eine solche Haltung einnimmt, löst er das so genannte Beobachterproblem in einer zukunftsweisenden und mitgestaltenden Weise. Sein Denken ist dabei vorrangig auf Synthese von Gesundheit undweniger analytisch auf Fehlersuche ausgerichtet.

Zur inneren Haltung des Anerkennens

Bis hier drehte sich der Artikel um theoretisch- praktische Implikationen der Philosophie des Anerkennens. Nun soll es umihre psychischen und sozialen Implikationen gehen, soweit sie die Kinesiologie berühren.

Die Philosophie des Anerkennens führt zu einer Haltung, die eine ganz andere ist als die gewohnte Anschauung „normaler“ WissenschaftlerInnen, Recht haben oder etwas beweisen zu wollen.

Der Vorgang des Anerkennens schafft in unserem Denken und Fühlen auch ganz andere Verbindungen. Er regt unser motivationales neuropsychisches Annäherungssystem an, dasmit demLustzentrumverknüpft ist (Grawe 2004; Petzold 2009, 2010, 2011a,b,c). Wenn wir etwas beweisen wollen, gehen wir davon aus, dass wir uns im Widerspruch zu anderen Menschen befinden (das ist eher mit einer stärkeren Aktivität des Abwendungs- / Vermeidungs- und Stresssystems verknüpft), und wir wollen durch Beweise Recht bekommen, was eigentlich bedeutet, die Anerkennung einer übergeordneten Instanz zu gewinnen.

Jede verbale Auseinandersetzung, um Recht zu bekommen, wird zu einem inneren Gerichtsprozess und zu einem Machtkampf. Nur solche Gedanken und Gefühle werden gesucht und mobilisiert, die die vertretene Position rechtfertigen können.

Anders läuft es, wenn wir die Grundhaltung haben, dass ein Zusammenwirken die besten Ergebnisse bringen wird, dass wir die Ansichten und Überzeugungen unserer Mitmenschen anerkennend verstehen wollen. Wir gehen davon aus, dass unsere Mitmenschen genauso Recht haben wie wir, also wirklich gleichberechtigt sind. Was nicht heißt, dass alle gleich sind.Wir suchen dann in unserem Gegenüber die Meinungen und Äußerungen, die uns gefallen, die bei uns eine positive Resonanz bewirken und Möglichkeiten eines kooperativen Zusammenkommens aufzeigen.

Anerkennen ist eine positive Rückkopplung in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ein Mensch, dessen Grundlage Anerkennen ist, kann sich entspannen und alleine oder gemeinsam mit anderen kreativ werden. Die Kreativität entsteht aus Freude, nicht nur aus der Not. Gedanken und Wünsche der Zusammenarbeit werden geweckt. Mit der Grundidee des Anerkennens sind die Menschen in ihrer Potenz, denn mit ihrer Anerkennung in zwischenmenschlichen Beziehungen geben sie den Mitmenschen Recht und Wert. Diese positive Rückkopplung bildet eine Grundlage für Veränderungen, Synergismus und Synthese – durch Anerkennen fördern wir Bewegungen.

Anerkennen bedeutet nicht automatisch zustimmen. Es bedeutet auch nicht, dass ein anerkannter Zustand so bleiben soll.

Es ist eine paradoxe Erfahrung: Damit ich einen Zustand verändern kann, muss ich ihn erst einmal in allen seinen Dimensionen anerkennen.

Wenn wir eine kinesiologische Testung mit der Haltung eines Beweise findenwollenden Aristoteles oder Naturwissenschaftlers durchführen wollten, würden wir entweder keine klaren Testergebnisse bekommen (so wie es mir öfter erging, als ich sehr (selbst- )kritisch an den Test heranging) oder aber wir erhielten Testergebnisse, die stark von uns als Tester bestimmt wären. Mit einer anerkennenden Haltung können wir uns dem gemeinsamen Test und der Führung durch das übergeordnete Zielbild der Heilung öffnen. Der Resonanzkreis kann in Fluss kommen. Wir sind offen für das, was sich zeigen will.

Ein Mensch mit dieser Haltung betrachtet die im Moment gegenwärtigen Spuren der Vergangenheit als Wegpforte in die Zukunft der Gegenwart – dem Verzweigungspunkt zur Zeitlosigkeit. Wenn wir anerkennen, was ist, befinden wir uns inmitten der Bewegung des Lebens. Wir sind selbst ein Teil davon, sowohl ein passives Objekt der Umgebung als auch gleichzeitig ein aktiv wahrnehmendes und gestaltendes Subjekt in der Welt.

Unser Sein ist nur in der Gegenwart. Unser Denken und Fühlen kann das Vergangene mit demKommenden verknüpfen. Mit einer anerkennenden Haltung können wir auch auf die Wirkung schauen, die unser gegenwärtiges Handeln in der Zukunft haben wird.

Anerkennen ist positive Rückkopplung für die Selbstheilungsfähigkeit.

In der Pädagogik, der Erziehung und sogar in der Tierdressur hat sich inzwischen herumgesprochen, dass positive Rückmeldungen wie Loben die Fähigkeiten des Einzelnen stärker mobilisieren und deshalb zu besseren Leistungen führen als Fehlersuche und negatives Feedback, Tadel und Strafe. Das ist in der Heilkunde im Prinzip nicht anders. Aber vielleicht manchmal schwieriger. Denn es geht oft um mehr. In der Heilkunde ist mit Anerkennen noch etwas anderes gemeint als nur loben – obwohl Lob eine Form der Anerkennung ist.

ImHeilungsprozess bezieht sich das Anerkennen im Wesentlichen auf den dem Patienten innewohnenden Wert.

Dieser Wert liegt hinter seinem Verhalten. Ein Lob gilt dem Verhalten oder einer Leistung eines Menschen, Anerkennung dagegen kann auch seinem Wesen gezollt werden. Sich wert fühlen, gesund zu werden Chronisch Kranke brauchen die Anerkennung, dass sie es wert sind, gesund zu werden und sich wohlzufühlen – nicht um der ÄrztIn oder nahen Angehörigen zu gefallen, sondern weil ihr Wesen es gebietet. Wenn wir eine anerkennende Haltung gegenüber diesem Wert in jedem Menschen haben, kann die Wertschätzung des Patienten sich selbst gegenüber in Resonanz kommen. Dann kann er beginnen, sich selbst als wert genug zu fühlen, gesund werden zu dürfen. Dieses Selbstwertgefühl ist ein Antrieb für viele Heilungsprozesse (Petzold 2000a, S.21ff).

Gesundheit ist ansteckend!

Durch eine kinesiologische Testung beschäftigen wir uns intensiv mit dem individuellen Subjekt, wir behandeln es dialogisch als „Du“ (s.a. Buber 1995). Wir gehen in Resonanz mit seiner Ganzheit, erkennen sein inneres Heilwissen und etwaige alte Verletzungen an und geben damit eine positive Rückkopplung auf seinen inneren Wert. Damit hat schon unsere anerkennende Einstellung, mit der wir in der Kinesiologie unserem Patienten begegnen, eine heilsame Wirkung.

Fazit

Die Philosophie des Anerkennens gehört zu einem evolutionär systemischen Verständnis des Menschen und der Welt. Dieses schafft eine weltanschauliche, erkenntnisund wissenschaftstheoretische Grundlage für eine Theorie (= Betrachtungsweise) vom Heilen. Sie regt jede und jeden an zu einer bewussten, aktiven, anerkennenden Teilnahme an der selbst organisierten, evolutiven, gesunden Entwicklung, und sie erkennt ganz besonders den Glauben an den jedem Menschen innewohnenden Wert an. Sie erkennt die Würde des Menschen an. So schließt sie einen heilsamen, positiv rückkoppelnden Resonanzkreis für gesunde Entwicklung zwischen PatientIn – TherapeutIn – Wissenschaft / Kultur und Intuition.

Fünf neue Paradigmen zur Weiterentwicklung von Diagnose- und Heilmethoden – Zusammenfassung

1. Das Anerkennungsprinzip: In der „Sowohl als auch“-Denkweise ist die klassische Logik von „entweder wahr oder unwahr“ ein Sonderfall – eine Ausnahme, die die Regel bestätigt.

2. Gesundheitsdynamik schließt sowohl den Zustand (Vergangenheit!) als auch die Entwicklung (Zukunft) ein. Sie kennt in der Regel keine lineare Kausalität, sondern Wahrscheinlichkeiten.

3. Resonanzdimensionen: Interaktionen und Beziehungen, Erkennen und Gestalten bedeutet Mitschwingen in Eigenschwingungen (= Resonanzen) in bzw. auf unterschiedlichen Lebensdimensionen. Resonanz zwischen Information und Energie gestaltet die Welt. „Resonanz ist das, 'was die Welt im Innersten zusammenhält'.“ (Prof. Friedrich Cramer 1996).

4. Kommunikative Selbstregulation

gesunder Entwicklung eines Individuums (Systems) entfaltet sich in einer förderlichen Umgebung (Übersystem). Für seine Heilung braucht der Organismus zweierlei: ein heilsames inneres Zielbild und hinreichend gute Bedingungen.

5. Die bewusste, aktive Teilnahme am Heilungs- und Entwicklungsprozess ist unsere Lösung des Beobachterproblems.


Zum Autor Theodor Dierk Petzold

Arzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, ECP, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der MHH, Leiter des Zentrums für Salutogenese, Sprecher Dachverband Salutogenese; Entwickler und Ausbilder der Salutogenen Kommunikation SalKom®.

Kontakt:

Am Mühlenteich 1, D-37581 Bad Gandersheim, Tel.: 05382 / 955470, Fax: 05382 / 9554712, theopetzold@gesunde-entwicklung.de, www.gesunde-entwicklung.de, www.salutogenese-zentrum.de