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Dr. Rainer Patzlaff
Der gefrorene Blick
Augenbewegungsblockade vor dem Fernseher und ihre Wirkungen auf Kinder (Teil 2)
Wenn wir den Farbdruck z.B. Eines Gemäldes betrachten, dann blicken wir auf Tausende winziger Rasterpunkte. Die aber behalten, während der Blick auf sie fällt, unverändert ihre Farbkraft, Helligkeit und Schärfe. Nun stelle man sich einen Kunstdruck vor, der bis zur Unkenntlichkeit verblasst, sobald sich der Blick des Betrachters auf ihn richtet: Die Augen könnten sich noch so bemühen - immer wenn sie eine bestimmte Stelle fixieren wollen, sind dort die Rasterpunkte gerade dabei, sich in Nichts aufzulösen. Nur ein höchst verwaschener Eindruck wäre so zu gewinnen.
Der gefrorene Blick
In eben dieser Situation sind die Augen vor dem Fernseher: Wohin sie sich auch richten, immer entzieht sich das Bild ihrem Zugriff (vgl. Teil 1 dieses Beitrags in CO'- MED 1/04). Nur stehen wir hier vor dem kuriosen Phänomen, dass die bleibenden Rasterpunkte, die das Auge auf der Mattscheibe vergebens sucht, sich auf der Netzhaut einstellen - jedoch unter weitgehenderAusschaltung der eigenen Augenaktivität. Dazu kommt ein völliger Stillstand der Akkomodationsbewegungen, also jener Drehungen der Augäpfel, mit denen der Kreuzungswinkel zwischen den Sehachsen immer neu den sich ändernden Entfernungenangepasst wird, wie es z. B. Bei einer Theateraufführung nötig wäre, um die verschieden weit entfernten Personen und Kulissen scharf zu sehen. Beim Fernsehen bleibt die Entfernung zum Bildschirm immer gleich, und so wird die einmal eingestellte Augenhaltung bewegungslos festgehalten, solange der Blick auf die Mattscheibe gerichtet bleibt. Was aber geschieht nun, wenn die Abtastbemühungenfortwährend ins Leere greifen und sich das Rasterbild auch ohne sie auf der Netzhaut .
einstellt? Die sonst so lebhafte Augentätigkeit ist sinnlos geworden und weicht einer hochgradigen Passivität. Der Blick erstarrt zu dem bekannten Fernseh-Blick. Nicht zu Unrecht hat der Volksmund das Gerät, das eine so widernatürliche Sehhaltung erzwingt, "die Glotze" genannt. Jedoch ist es ein Irrtum zu meinen, das Glotzen sei eine Schwäche des Zuschauers; der glotzende Blick wird durch die Technik der Bilderzeugung, die im Fernseher Verwendung findet, vom ersten Augenblick an erzwungen, und niemand kann sich diesem Zwang entziehen. Verständlicherweise wehrt sich das Bewusstseindes Fernsehkonsumenten gegensolche Erkenntnisse, weil er doch an sich selbst gar keine Veränderungen bemerkt und sich nach wie vor für völlig frei und aktiv hält. Leider aber beweisen die bisher vorliegenden Untersuchungen das Gegenteil: Eine amerikanische Forschergruppe verglich 1979 die Zahl der Saccaden beim Lesen und vor dem Fernseher. Beim Lesen fanden sie durchschnittlich 5,7 bis 9,2 Saccaden pro Seunde, beim Fernsehen dagegen nur 1 pro Sekunde, also eine Verringerung um annähernd 90% Geht aber die Augenaktivität gegen Null,überträgt sich die Starre der Augen auf den ganzen Körper, und selbst bewegungsfreudigste Kinder sitzen stundenlang still. Ärzte nennen das Bewegungsstau - eine grob verharmlosende Formulierung,die uns fragen lässt, ob hier nur Gedankenlosigkeit oder bewusste Irreführungvorliegt. Denn das Problem liegt doch nicht im Stillstand der Muskeln, sondern im Stillstand des Willens, der die Muskeln lenkt. Was hier geschieht, ist nichts Geringeres als ein Angriff auf die Willenskräfte des Menschen, von denen alle Eigenaktivität ausgeht. Aktivitätsverhinderung findet statt, Willensstau, und damit auch eine Ich-Verhinderung.
Der Alphazustand
Die Augen lähmende Wirkung, die von dem Fernsehgerät ausgeht, schlägt sich in einer messbaren Veränderung der Hirnstromtätigkeit nieder, die erst 1970 entdeckt wurde. Damals untersuchte H. E. Krugman, welche Veränderungen sich im EEG zeigen, wenn eine Versuchsperson vom Lesen zum Fernsehen übergeht.Schon seine ersten Messungen ergaben, was sich später immer wieder bestätigte: Vor dem Fernseher nehmen die Beta-Wellen stark ab, die Alpha-Wellen werden dominant. Es tritt also beim Fernsehen der so genannte "Alpha-Zustand" ein. Was aber bedeutet das? Die neuere Forschung hat herausgearbeitet, dass im EEG die schnellen Betawellen immer dann die Alphawellen stark zurückdrängen, wenn ein bewusstes Erkunden und Abtasten der Umgebung stattfindet, indem die Augen ständig neu fixieren und akkommodieren. Verlieren die Augen aber den Sehgegenstand oder geben ihn auf, aus welchen Gründen auch immer, dann kehren die Alphawellen zurück.
Wir sehen daran, dass es auf den Wahrnehmungs-Willen ankommt, mit dem in die Welt hinausgeblickt wird:
Wenn diese gerichtete Willenskraft die Augenmuskeln ergreift und auf einzelne Gegenstände lenkt, dann herrscht jene visuelle Aufmerksamkeit, die sich im EEG durch einen hohen Anteil von Betawellen auszeichnet. Zieht sich der Sehwille aber aus den Augen zurück, weil man sich entspannt oder das Bewusstsein ganz von inneren Bildern und Tätigkeiten in Anspruch genommen ist, dann treiben die Augenbewegungen führerlos umher, der Blick bekommt etwas Starres und Dumpfes. In genau dieser Lage sind die Augen vor dem Fernseher: Die Fernsehbilder entstehen, wie wir sahen, vollständig erst im Körperinneren, auf der Netzhaut, nicht auf dem Schirm, auf dem die Augen sie suchen. So entsteht die außergewöhnlicheSituation, dass der Blick ständig nach außen auf den Schirm fixiert bleiben muss, zugleich aber die Augenbewegungen vom Sehwillen verlassen werden, weil die eigentlichen Bilder gar nicht draußen zu finden sind. Sie werden vom Kathodenstrahl herein geschossen. Und doch werden sie so erlebt, als habe man sie wie bei einer regulären Sinneswahrnehmung durch eigene Willensanstrengung erworben. Man fühlt sich völlig wach und steht nichtsdestoweniger im Bann des Bilderstroms, der durch den willenlos gewordenen, hohlen Blick wie durch eine Pipeline auf die Netzhaut fließt.
Dieser von außen gesteuerte Zustand zwischen Wachen und Schlafen ist wohl am ehesten mit einer Hypnose vergleichbar, und tatsächlich zeigt das EEG während der Hypnose ganz ähnliche Symptome wie beim Fernsehen.
Weniger Kalorienverbrauch als beim Nichtstun
Gleichzeitig mit dem hypnoseähnlichen Wachtraum findet vor dem Bildschirm noch ein anderer Prozess statt, der erst vor wenigen Jahren entdeckt wurde. Angesichts der epidemisch zunehmenden Fettleibigkeit von Kindern und Jugendlichen in den USA und des nachgewiesenen Zusammenhangs zur Höhe ihres Fernsehkonsums stellten sich amerikanische Forscher 1992 erstmals die Frage, was mit dem Stoffwechsel des Zuschauers eigentlich geschieht, wenn er sich vor den Fernseher setzt. Sie untersuchten 31 Mädchen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren, von denen 16 normales Gewicht und 15 Übergewicht hatten, in bequem zurückgelehnter Lage auf einem Ruhebett. Zunächst wurde der so genannte Grundumsatz gemessen (Energiemenge, die im Ruhezustand zur Aufrechterhaltung der Körperfunktionen verbraucht wird), um dann zu beobachten, wie sich der Grundumsatz während einer 25-minütigen Fernsehdarbietung vor oder nach einer genauso langen Ruhezeit ändert. (Gezeigt wurde der populäre Film The Wonder Years). Dass der Kalorienverbrauch während der Ruhezeit etwas geringer sein würde als bei der Ausgangsmessung, war zu erwarten. Nicht vorauszusehen aber war, dass die Ruhewerte dramatisch absanken, sobald der Fernseher eingeschaltet wurde. Bei allen Kindern wurde eine Verringerung des Grundumsatzes um rund 12 bis 16% gegenüber dem Ausgangswert gemessen, im Schnitt knapp 14 Prozent. Mit anderen Worten: Obwohl sich der Körper schon vor dem Fernsehen im Zustand absoluten Nichtstuns befand, sank der Kalorienverbrauch durch den Blick auf die Mattscheibe nochmals, und diesmal erheblich, ab.
Demnach werden bei einem Fernsehabend weit weniger Kalorien verbrannt als beim absoluten Nichtstun, gleichzeitig aber äußerstkalorienhaltige Snacks und Süßigkeiten verzehrt! Da ist es keinWunder, dass die Fettsucht grassiert.
Und noch eine schlechte Nachricht für Übergewichtige:
Bei dem Experiment waren die übergewichtigen Mädchen ungleich stärker vom Rückgang des Kalorienverbrauchs betroffen als die schlanken Altersgenossinnen. Auf dem Bildschirm aber wird ihnen in unzähligen Werbespots der Mund wässrig gemacht nach fettreichen und überzuckerten Leckereien - und so potenziert sich der Effekt. Der Bildschirm versetzt also nicht nur das Bewusstsein in einen Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen, sondern auch den gesamten Stoffwechsel des Menschen. Dazu passt der Bericht von Bodanis (1997), dass sich vor dem Fernsehgerät der Herzschlag um 10% vermindert, also um etwa sieben Schläge pro Minute, in der Stunde um 420 Schläge. Außerdem deuten erste Untersuchungen mit dem PET (Position Emission Tomography) darauf hin, dass wohl auch der Stoffwechsel des Gehirns von diesen Veränderungen nicht ausgenommen ist. Wohl kaum einer der bisherigen Benutzer hat geahnt, dass der Bildschirm so tief in die Physiologie des eigenen Körpers eingreift, wie es sich jetzt herausstellt, nachdem man endlich begonnen hat, die Zusammenhänge zu untersuchen.
Die Blickmarionette
Das Erstarren der Augenbewegungen, der massive Rückgang der Betawellen im EEG, das Absacken der Stoffwechsel-Rate, die Verringerung der Herzfrequenz - das alles sind Anzeichen einer gewaltsamen Dämpfung der Eigenaktivität, die das Bewusstsein eigentlich sehr rasch in einen Dämmerzustand nahe dem Einschlafen führen müsste. Und das würde wohl auch eintreten, würde dem nicht von der Programmseite her entgegengewirkt. Seit es das Fernsehen gibt, stehen die Produzenten unter dem Zwang, immer aufs Neue die Aufmerksamkeit stimulieren zu müssen, um den Zuschauer wach zu halten. Häufige Schnitte, Um- und Überblendungen, Kameraschwenks und Zoombenutzung, Standort-, Situations- und Szenenwechsel sind dazu die probatesten Mittel. Sie sorgen dafür, dass der Zuschauer schwerelos wie im Traum durch Raum und Zeit gleiten kann, einmal aus der Vogelperspektive blickend, ein andermal aus der Froschperspektive, hier verweilend und dort verweilend, Einzelheiten fixierend, dann wieder ins Weite schweifend usw. Ein Traum ist es in der Tat. Denn faktisch rührt sich der Blick des Zuschauers nicht von der Stelle, und den willentlichen Griff in die Welt hinaus vollführt jetzt die Kamera. An ihrer Blickführung hängt das starrgewordene Auge wie die Marionette am Faden. Freilich wird das nicht bemerkt.Denn mit der gleichen Leichtigkeit und Freiheit, mit der sich das Auge außerhalb des Bildschirms nach allen Seiten wendet, wird es auch von der Kamera durch die Welt geführt; man muss nicht einmal den Kopf bewegen. Das aber heißt: Der Sehwille wird an die Maschine abgegeben, und die gaukelt der Marionette vor, es sei ihr eigener Wille, der hier tätig ist.
Illusion von Eigenaktivität
Systematische Untersuchungen über die Häufigkeit der Bildschnitte, Kameraeinstellungen, Zooms und Schwenks in Fernsehproduktionen wurden bisher nicht gemacht, wohl aber Stichproben, und die geben schon einigen Aufschluss, um welche Größenordnung es sich dabei handelt: Als durchschnittliche Schnitthäufigkeit wurden je nach Genre zwischen zwei und fünf Sekunden ermittelt. Objektiv ist das eine erstaunlich rasche Abfolge, subjektiv aber erlebt der Zuschauer sie als ganz normal; ihm fällt die Schnelligkeit der Wechsel gar nicht auf. Diese Beobachtung gibt Anlass zu der Frage, wie lange die Augen in natürlicher Umgebung maximal auf einem Fixationspunkt verweilen können, bevor sie zum nächsten weiter springen. In den führenden Fachbüchern schwanken die Angaben dazu zwischen zwei und etwa vier Sekunden.
Daraus folgt: Die Bildschirmregie des Fernsehens imitiert - ob bewusst oder nicht, mag dahingestellt sein - die natürliche Häufigkeit der Augenbewegungen durch ebenso häufige Schnitt- und Einstellungswechsel.
Daher bleibt es unbemerkt, wenn der Zuschauer die Regie von außen für seine eigene hält. Er verwechselt die aufgezwungene Blickführung mit freier Willensbetätigung und erliegt der Illusion, ganz wach und autonom zu sein - die Marionette vergisst die Fäden, an denen sie hängt.
Der Bildschirm als Drogenproduzent
Eine Weile vermag die Bildschirmregie mit solchen Mitteln die Aufmerksamkeit wach zu halten. Da sie aber vom Zuschauer keinerlei eigene Blickaktivität verlangt, gewöhnt sich der Zuschauer sehr bald an diesen paradoxen Zustand, der ihm bei völliger Untätigkeit die lebhafteste Bilderfülle beschert, und so erlahmt die Aufmerksamkeit von neuem.
Daher greifen die Fernsehproduzenten zu immer drastischeren Mitteln, um die Aufmerksamkeit zu erzwingen:
Man wendet sich an einen uralten, tief in den unbewussten Schichten des Gehirns verankerten Reflex, der in natürlichen Situationen für gesteigerte Aufmerksamkeit sorgt, sobald ein unerwartetes Geräusch ertönt oder am Rande des Sehfeldes sich plötzlich etwas bewegt. Solche überraschenden Änderungen ziehen sofort die volle Wachheit auf sich, denn sie signalisieren eine mögliche Gefahr. Daher aktiviert der Körper seine Kräfte für eine eventuell notwendige Flucht oder Ausweichbe- wegung, indem er schlagartig Kortisol ausschüttet, ein Hormon der Nebenniere wie auch das Adrenalin. Dieser von der Natur für den Notfall eingerichtete "Drogen"-Schuss tritt nun auch vor dem Bildschirm ein, sobald ein unerwarteter Wechsel in der Blickführung eintritt, und er tritt umso heftiger ein, je abrupter der Wechsel ist. Anders aber als in natürlichen Situationen ergreift der Zuschauer nicht die Flucht, sondern lehnt sich im Gegenteil wohlig zurück und genießt den prickelnden Schreckeffekt wie ein Aufputschmittel, das ihn wach macht. Indessen stumpft die prickelnde Wirkung sehr bald ab, Gewöhnung tritt ein, und wieder muss die Dosis erhöht werden, d. h. Die Frequenz und Heftigkeit der Bildwechsel werden erhöht, die Überrumpelung des Zuschauers wird verschärft. Physiologisch dürfte das, wie Pearce 1998 vermutete, zu einer allmählichen Übersättigung mit Kortisol führen, und dann hat dieses nur für den Ausnahmezustand gedachte Hormon toxische Wirkung und versetzt den Körper in einen permanenten unterschwelligen Stresszustand. Stress seinerseits gilt heute als Hauptursache vieler Zivilisationskrankheiten.
Die Fernsehsucht ist also nicht nur eine Metapher, sondern ihr liegt tatsächlich ein physiologischer Suchtprozess zu Grunde.
Ressource Aufmerksamkeit
Die Situation ist paradox genug: Der Fernsehapparat kann nicht anders, als die Aufmerksamkeit des Zuschauers permanentherabzudämpfen, und andererseits ist gerade die Aufmerksamkeit des Zuschauers dasjenige Gut, um das alle Sender und Werbeagenturen kämpfen. Ihretwegen müssen im Fernsehen die Schnitte immer schneller, die Reize immer greller, die Sensationen immer heftiger werden. Denn an der Einschaltquote hängt das wirtschaftliche Überleben eines Senders, und um diese Einschaltquoten führen die konkurrierenden Sender einen erbitterten Kampf. Der Kampf wird um so härter, je mehr die Zuschauer von ihrem Fernbedienungsgerät Gebrauch machen: Denn ein Programm, das nicht aufregend genug ist oder den eigenen Bedürfnissen nicht entspricht, wird sofort verlassen, und so müssen die Medienproduzenten alles nur Erdenkliche aufbieten, um die Zuschauer festzuhalten. Die aber lassen sich nicht so leicht festhalten, sondern zappen sich mit Vergnügen vorwärts und rückwärts durch die 30 bis 35 Programme und genießen ihre vermeintliche Freiheit. In Wahrheit sind sie die unfreiesten Menschen überhaupt. Gehetztund getrieben jagen sie mit starrem Blick durch die Bilderflut, immer auf der Suche nach dem "ultimativen Kick", immer getrieben von der Sorge, auf den Nachbarkanälen womöglich etwas zu verpassen. Im Nu ist ein ganzer Abend herum, angefüllt mit Tausenden von Eindrücken, ohne dass man auch nur einen davon in Ruhe hätte genießen können.
Die Parallele zu Kindern mit ADHS ist auffällig genug:
Zwar findet bei ihnen äußerlich das Gegenteil von Erstarrung statt; ein Übermaß an Bewegung lässt sie hierhin und dorthin springen, hierhin und dorthin blicken, kurz dieses tun und bald schon das nächste, scheinbar alles aus eigenem Antrieb. Aber es ist keine freie, von innen geführte und mit Vorsatz gesteuerte Aktivität, sondern die Kinder sind wie magisch angezogen von den Sinneseindrücken, setzen sich ihnen aufs heftigste aus, um sich dann auch schnell wieder abzuwenden und auf etwas anderes zuzugehen, immer gehetzt, immer unter Stress. Wie ein organisch gewordenes Zappen kann man das zwanghafte Verhalten dieser Kinder erleben. Damit will ich nicht sagen, dass Fernsehen die Ursache für ADHS sei, aber es dürfte klar sein, dass Fernsehen für solche Kinder Gift ist, weil es ihre Schwäche nur noch verstärkt.
Was tun?
Das Grundproblem beim Fernsehen liegt in der totalen Außensteuerung nicht nur des Sehens, sondern auch des seelischen Erlebens, oder anders gesagt: in der hochgradigen Verhinderung der seelischen Eigenaktivität. Der Mensch wird, ohne es zu merken, zur Blick- und Wahrnehmungsmarionette. Nun wäre es aber ein großer Irrtum zu glauben, das Problem lasse sich allein durch das Abschalten der Fernsehapparate lösen. Die Gewöhnung an den passiven Wahrnehmungsstil, den der Fernseher durch seine Bilderzeugungstechnik erzwingt und der zu allem Übel auch noch von der Illusion völliger Wachheit und Aktivität überdeckt wird, sitzt schon so tief, dass eine plötzliche Fernsehabstinenz seelisch ein riesiges Loch erzeugen würde, das die Menschen aus eigener Kraft nicht zu füllen wüssten. Die einschlägigen Erfahrungen mit fernsehfreien Wochen in den USA ("Television-Turn-Off-Weeks") belegen das zur Genüge. Viel wichtiger also als das Abschalten der Geräte ist das Einschalten der eigenen Sinnesaktivität, und das geht nicht auf Kommando, sondern will gelernt sein. Die lebhafte Hinwendung zur Welt, die Offenheit für alles, was die Sinne vermitteln, ist eine Fähigkeit, mit der Kinder eigentlich von Natur aus begabt sind; aber diese wunderbare Kraft geht heute schon in jüngsten Jahren immer mehr verloren, wird verschüttet, abgelähmt, umgepolt in eine passive Konsumentenhaltung.
Damit aber geht der Welt das Kostbarste verloren, was Kinder mitbringen:
Aufmerksamkeit, Interesse, Anteilnahme, Einfühlungskraft. Diese Fähigkeiten müssen heute gegen den Trend der Zeit geschützt und gepflegt werden. Pädagogik muss immer mehr eine therapeutische, heilende Arbeit werden, und ihr Zauberwort lautet: Bewusste Pflege und Schulung der Sinne. Konkret heißt das: In der frühen Kindheitist auf die volle Ausbildung der leiborientierten Sinne zu achten (Tastsinn, Gleichgewichts- und Bewegungssinn), mit denen sich das Kind in das Schwerefeld der Erde eingliedert, mit denen es seine Körperbewegungen im Raum zu kontrollieren beginnt, mit denen es die anfassbare Welt erkundet, mit denen es die Augenmuskeln sinnvoll zu führen lernt. Erst die volle sensorische und motorische Herrschaft über den eigenen Leib verleiht die Fähigkeit, sich mit voller Kraft der Welt zuwenden zu können. Mit beginnendem Kindergartenalter ist die Feinmotorik weiter auszubilden, die strukturierend auf die Gehirnbildung wirkt. Aber auch die musikalische und rhythmische Ausbildung ist anzulegen, die mehr seelischen Wahrnehmungen der Phantasie und Vorstellungskraft wollen gepflegt sein. Überhaupt sind alle künstlerischen Tätigkeiten das ideale Mittel, um die seelische und geistige Aktivität im Wahrnehmen zu stärken. Wer Kinder erlebt, die noch in natürlicher Weise zu spielen wissen, der erlebt wahre Künstler. Daher war es eine der grundlegenden ForderungenRudolf Steiners für eine Erneuerung des Unterrichts- und Erziehungswesens, dass bis in die Methode hinein jeglicher Unterricht aus künstlerischer Gesinnung gestaltet wird, selbst der Grammatikund Rechenunterricht; nicht, um dadurch künftige Künstler auszubilden, sondern um den Kindern zu ermöglichen, auch noch im Jugend- und Erwachsenenalter lebhaftestes Interesse an der Welt und ihrer Gestaltung zu entwickeln. Aber nicht nur der Unterricht, auch jede Therapie, jede ärztliche Tätigkeit wird erst dann fruchtbar, wenn sie den verborgenen Künstler im Menschen anzuregen versteht. In diesem Sinne wird im heutigen Erziehungswesen vieles neu zu gestalten sein, um Gegengewichte zu schaffen gegen den Sog der Medien. Je mehr eigene Aktivität ein Mensch in sich entwickelt hat, desto sachlicher und sachgerechter wird sein Umgang mit den Medien sein.
Wahre Medienkompetenz kommt nicht aus dem Glotzen auf das Medium, sondern aus ganz anderen Kräften, und um die muss es uns gehen, wenn wir Kinder für die Zukunft stärken wollen statt zu schwächen.
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