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CoMed - Artikel-Archiv:

Dr. Rainer Patzlaff

Der gefrorene Blick

Augenbewegungsblockade vor dem Fernseher und ihre Wirkungen auf Kinder (Teil 1)

Die für Deutschland bestürzenden Ergebnisse der PISA-Studie haben in den letzten Wochen erregte Debatten ausgelöst. Von einer "Bildungskatastrophe" war die Rede, von der Notwendigkeit grundlegender Reformen, bundeseinheitlicher Bildungsstandards, regelmäßiger Leistungstests, verbesserter Vorschulpädagogik und dergleichen mehr. Völlig unerwähnt aber blieb die Tatsache, dass wir es bei den heutigen Schul- und Vorschulkindern schon längst mit einer ganz anderen, viel tiefer reichenden Katastrophe zu tun haben, nämlich mit einer Gesundheitskatastrophe.

Ärzte, Kindergärtnerinnen, Erzieher und Lehrer wissen es aus ihrer täglichen Praxis, und inzwischen bestätigen es auch die offiziellen Gesundheitsberichte:

Noch nie war die körperliche und seelische Gesamtverfassung von Schul- und Vorschulkindern so besorgniserregend wie heute.

Rückblickend zeigt sich, dass diese Entwicklung bereits in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einsetzte. Militärärzte z. B. Haben festgestellt, dass seit jener Zeit die Gesamtkondition junger Männer um jährlich ein Prozent abgenommen hat. Pädiater weisen darauf hin, dass Vorschulkinder in den 80er Jahren ihren Kreislauf noch etwa drei Stunden am Tag bei Bewegungsspielen usw. voll belasteten, was ja für die Ausbildung einer guten Kondition sehr wichtig ist; heute beträgt diese Zeit im Schnitt noch 15 Minuten am Tag. Umgekehrt verbrachten die Kinder damals 15-20 Minuten vor dem Fernseher, und heute sind es gut und gerne drei Stunden, wenn man Video- und Computerspiele mit berücksichtigt.

Parallel dazu haben sich Übergewicht und Fettsucht geradezu epidemisch verbreitet, am stärksten in den USA, aber auch in Deutschland werden sie immer häufiger registriert. In den USA wurde die Fettleibigkeit vor einigen Jahren von den Gesundheitsbehörden zur nationalen Katastrophe erklärt, und bei der Suche nach den Ursachen stieß die Forschung nicht nur auf veränderte Essgewohnheiten, sondern auch auf den überproportional gestiegenen Fernsehkonsum der Bevölkerung, an dem inzwischen schon 80% der Einjährigen (!) teilnehmen. Jüngst erst hat das Magazin der amerikanischen Akademie der Kinderärzte in einer Studie nachgewiesen, dass das Risiko der Übergewichtigkeit schon bei Kleinkindern signifikant ansteigt, wenn sie mehr als eine Stunde täglich fernsehen.1 Für ältere Kinder ist der Zusammenhang zwischen extremem Übergewicht und exzessivem Fernsehkonsum seit Jahren bekannt.2
Ein weiteres schwerwiegendes Problem, das hier nur gestreift werden kann, sind die immer mehr um sich greifenden Sprachentwicklungsstörungen, von denen inzwischen schon jedes vierte Kind im Vorschulalter betroffen ist, mit steigender Tendenz.3 Hauptursache ist das zunehmende Verstummen des Familiengesprächs, und auch daran hat das Fernsehen bedeutenden Anteil, vor allem wenn kleine Kinder - wie heute immer mehr üblich - mit eigenen Fernsehapparaten im eigenen Zimmer "beglückt" werden. Fachleute geben an, dass Kleinkinder in Durchschnittsfamilien heute kaum mehr als zehn bis zwölf Minuten Originalsprache aus dem Munde von Erwachsenen hören. Neueste Meldungen besagen sogar, dass es in den USA nur noch 40 Minuten in der Woche sind!
Sprachverarmte Kinder fallen vielleicht nicht so sehr auf - unübersehbar aber sind die Kinder mit Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung
Ihr unkontrollierbarer Bewegungsdrang ist für sie selbst und ihre Umgebung so unerträglich, dass häufig Ritalin als letzte Rettung angesehen wird. Über die Ursachen dieses so genannten ADHS wird noch heftig gestritten. Fest steht aber, dass längerer Fernsehkonsum das Problem erheblich verschärft. Haltungsschäden, Augenschäden und viele andere Krankheitsdispositionen, die bereits bei Einschulungsuntersuchungen vorgefunden werden, könnten außerdem noch genannt werden. Die heutige "Gesundheitskatastrophe" steht also der viel beschworenen Bildungskatastrophe in nichts nach, und immer wieder spielt der Fernsehkonsum als wichtiger, oft sogar entscheidender Faktor mit hinein.

Das alles wird hier nicht angeführt, um das Fernsehen zu verteufeln, sondern um aufmerksam zu machen auf eine ungeklärte, für die Gesundheit unserer Kinder und damit auch für unsere Zukunft fundamentale Frage:

Warum wirkt der Bildschirm bei längerem Gebrauch so negativ auf die Gesundheit und die Entwicklung unserer Kinder?

Er galt und gilt uns doch als ein völlig harmloses Alltagsgerät, das in jedem Haushalt gebraucht wird und für eine moderne Kommunikation unverzichtbar ist.
Was soll daran eigentlich schädlich sein? Gibt es womöglich Einflüsse, von denen wir bisher nichts wussten? Diese Frage stellt sich um so dringlicher, als die Tendenz heute dahin geht, die Bildschirmzeiten für Kinder nicht etwa zu verringern, sondern sogar massiv auszuweiten, indem zusätzlich zur privaten Nutzung auch noch in den Schulen und Kindergärten Bildschirme eingesetzt werden, die in Verbindung mit Computerprogrammen und Internetzugang als Lerninstrument dienen sollen. Von der Industrie fließen die Gelder, von der Politik werden die passenden Gesetze gemacht, und das alles wird unbesehen als Fortschritt gepriesen, obwohl schon die bisherige Nutzungsdauer der Bildschirme höchst problematische Folgen zeitigt, gleichgültig, ob es sich um Fernsehen, Videoclips oder Computerspiele handelt.
Wer verantwortlich handeln will, wird sich also der Frage stellen müssen: Worin liegen die tieferen Ursachen für die im Dauergebrauch fatalen Wirkungen der Bildschirmnutzung auf Kinder? Ist es wirklich - wie so oft behauptet - nur der Bewegungsmangel, der Kinder krank macht? Oder liegt es an den für Kinder ungeeigneten Programmen? Ich halte es für ein hoffnungsloses Unterfangen, die Ursache allein in der Gestaltung und Qualität der Programme suchen zu wollen, wie es die konventionelle Medienforschung zu tun pflegt. Mein Ansatz besteht darin, auf die unbewusst bleibenden physiologischen und bewusstseinsverändernden Wirkungen des Mediums Bildschirm zu blicken, von denen selbst offiziell zuständige Ämter wie die "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" auf Anfrage offen zugeben, dass man ihnen noch nie Beachtung geschenkt habe, angeblich, weil es dazu noch keine Forschung gäbe. Es gibt aber durchaus schon Forschungsergebnisse, wenn sie auch im Verhältnis zur programmorientierten Medienforschung noch verschwindend gering sind. Ich selbst habe dazu jahrelang recherchiert, und einiges davon möchte ich hier darstellen, indem ich auf die fundamentale Beeinflussung des Sehvorgangs durch den Bildschirm hinweise, eine Beeinflussung, die völlig unabhängig vom gesendeten Programm eintritt und tiefe Wirkungen ausübt, ohne dass der Benutzer es bemerkt.4

Das aktive Auge

Wer ein Gemälde an der Wand betrachtet oder ein Foto in der Illustrierten, ein Dia auf der Leinwand oder ein Cartoon im Comic- Heft, der fühlt sich völlig frei, es nach Belieben zu betrachten, länger oder kürzer zu verweilen, sich beeindrucken zu lassen oder auch nicht; irgendein Zwang geht von dem Bild nicht aus. Daher meinen die meisten Menschen, beim Fernsehbild sei es nicht anders, und sie fühlen sich dort genauso frei. Das aber ist eine Täuschung. Das Fernsehbild übt sogar sehr heftige Zwänge aus, denen sich der Betrachter in keiner Weise entziehen kann, es sei denn, er schaut nicht hin.

Um zu verstehen, welcher Art die Zwänge sind, müssen wir zunächst auf die unbewusste Tätigkeit der Augenmuskulatur beim gewöhnlichen Sehen blicken. Auf diesem Gebiet ist die Sinnesphysiologie der letzten Jahrzehnte zu umwälzend neuen Einsichten gekommen, die auch ein Licht auf die Situation vor dem Bildschirm werfen:

Die noch aus dem 19. Jahrhundert stammende Auffassung, das Sehen sei eine Art fotografischer Vorgang, bei dem die äußere Welt sich wie in einer Kamera auf der Netzhaut abbilde, hat sich als unzulänglich erwiesen. Zwar weist das Auge alle Merkmale einer Kamera auf, doch zum Sehen gehört weit mehr als der optische Apparat.
Drastisch trat das zu Tage, als mit Hilfe modernster Chirurgie Blindgeborene operiert wurden, so dass ihnen die "Kamera Auge" und das dazugehörige Nervensystem funktionstüchtig zur Verfügung standen: Außer verschwommenen Farbwolken und Helligkeitsunterschieden sahen sie nichts Greifbares. Ein konturiertes, deutliches Erkennen der Objekte - also Sehen im eigentlichen Sinne - war ihnen unmöglich.
Die Ursache ist der Wissenschaft inzwischen bekannt: Sehen ist nicht ein passiver Vorgang, bei dem die Augen lediglich entgegennehmen, was die Welt ihnen an Lichtreizen zukommen lässt, sondern ein im höchsten Maße aktiver Vorgang. Denn die Bilder von der Welt, die wir auf einen Blick zu haben glauben, müssen in Wirklichkeit durch komplizierte Bewegungen der Augenmuskulatur erst "erarbeitet" werden, bevor sie ins Bewusstsein treten.
Das geschieht im Prinzip folgendermaßen: Zwar ist die ganze Netzhaut (Retina) mit Sinneszellen bedeckt (Stäbchen und Zäpfchen), doch konzentriert sich das Scharfsehen auf eine winzig kleine Stelle am hinteren Augenpol, die Fovea centralis (Zentralgrube).
Diese Stelle des schärfsten Sehens nimmt nur 0,02% der Retinafläche ein und erfasst einen Sehwinkel von etwa zwei Grad aus dem rund 200 Grad umfassenden horizontalen Blickfeld. Daher können wir beim Schauen auf unsere Umgebung immer nur einen winzigen Ausschnitt des Ganzen in voller Schärfe sehen, nämlich den, auf den die beiden Augen sich mit ihren Sehachsen fixieren.
Und doch kommen wir zu einem klaren, deutlichen Bild, z. B. Von einem Haus, indem die Augenmuskeln nacheinander verschiedene Ausschnitte des Gesamtobjekts vor die Fovea rücken. Das geschieht so, dass zunächst irgendein Punkt des Hauses von beiden Augen für Bruchteile einer Sekunde fixiert wird, dann springen die Muskeln mit einer ruckartigen Bewegung (in der Fachsprache Saccade genannt) zu einem anderen Punkt des Objekts, der ebenfalls für Sekundenbruchteile fixiert wird, dann folgt eine weitere Saccade zu einem dritten Punkt und so immer weiter, bis durch die einzelnen Fixationen genügend viele Partien abgetastet sind, um ein deutliches Gesamtbild von dem Objekt zu haben.
Bei ruhiger Betrachtung dauern die einzelnenFixationen etwa 0,2 bis 0,6 Sekunden, so dass in einer Sekunde etwa zwei bis fünf Saccaden stattfinden; bei schnellerem Blicken werden die Saccaden häufiger, die Fixationszeiten entsprechend kürzer. Erst wenn diese vielen Abtastbewegungen stattgefunden haben, "sehe" ich, was vor mir liegt. Das Bild, das jetzt in mein Bewusstsein tritt, ist genauso ruhig und unbewegt, wie es das eben fertig gestellte Bild eines Malers auf der Staffelei ist. Doch hat der Maler tausende von Handbewegungen ausführen müssen, bevor das Resultat zu sehen ist, und genauso waren meine Augenmuskeln in lebhaftester Tätigkeit, bevor ich vermeintlich "mit einem Blick" das ganze Haus scharf und klar vor mir habe. Was ich da sehe, ist nicht ein Foto von der Welt, sondern ein von mir selbst aktiv geschaffenes Bild.

Vom Ich willentlich geführt

Auch wenn uns die raschen Augenbewegungen beim Sehen nicht bewusst werden, so sind sie doch mit der eigenen Persönlichkeit verknüpft. Sie folgen nämlich nicht einem starren, bei allen Menschen wiederkehrenden Schema, sondern verlaufen höchst individuell. Auch beim einzelnen Individuum selbst variieren sie, je nachdem, was es zu sehen gibt und was man sehen möchte. Freilich hat jeder auch seine Sehgewohnheiten, und wenn er keine besonderen Anstrengungen unternimmt, überwiegen die eingeschliffenen Gewohnheiten, die sich in typischen Blickverläufen niederschlagen.
Man kann den jeweiligen Blickverlauf sichtbar machen mit Hilfe von Augenbewegungskameras, die den Weg von Fixation zu Fixation aufzeichnen, so dass eine Art Spurenzeichnung entsteht. Zeigt man dann einer Versuchsperson z. B. Ein Porträtfoto (Abbildung 1), sieht man an der Aufzeichnung, dass Augen und Mund viele Male fixiert wurden, weniger aussagekräftige Partien des Bildes, wie z. B. Die Silhouette, dagegen nur beiläufig.
Präsentiert man ein Bild, auf dem mehrereMenschen in einer Wohnung zu sehen sind, und fragt den Betrachter nach dem Alter der dargestellten Personen, dann mustern seine Augen intensiv die einzelnen Gesichter; wird aber nach den materiellen Verhältnissen der Familie gefragt, dann gehen die Blicke hauptsächlich zu den Möbeln, zu den Bildern an der Wand etc. Man spricht hier von intentionalem Sehen, und diese Fähigkeit ist nicht etwa angeboren, sondern wird durch jahrelange Lernprozesse erworben. Wir trainieren sie unbewusst vom frühesten Kindesalter an, und der Erwachsene kann sie bewusst erweitern und vertiefen, wenn er seinen Blick schult.
Wie sich eine systematische Schulung des Auges im gewohnheitsmäßigen Blickverhalten niederschlägt, hat eine Forschergruppe 1995 eindrucksvoll demonstriert: Einer Gruppe von berufsmäßigen Malern, einer Gruppe von Kunstsachverständigen und einer Gruppe von Laien, die auf dem Gebiet keinerlei Erfahrung hatten, wurde eine Serie von Gemälden gezeigt, zuerst konkrete, dann abstrakte Gemälde. Die Laien verhielten sich vor den abstrakten Bildern nicht anders als vor den konkreten: Kleinschrittig vorgehend versuchten sie, die Einzelheiten zu mustern, um etwas Bekanntes zu finden. Maler und Kunstkenner dagegen schlugen schon bei den konkreten, erst recht aber bei den abstrakten Bildern einen ganz anderen Weg ein: Mit großen Saccaden machten sie sich sofort an eine globale Erkundung des Gemäldes, ordneten die Einzelheiten immer in das Ganze ein und bewiesen durch verlängerte Fixationszeiten eine viel größere Intensität der Betrachtung.

Hier sahen also buchstäblich zwei das Gleiche - und sahen doch nicht das Gleiche. Die Art des Sehens wird bestimmt von dem Vorwissen, das man sich erworben hat.

So leben im Sehvorgang einerseits die Früchte früherer Willensanstrengungen als erworbene Gewohnheit, andererseits aber auch der aktuell wirkende Wille, etwas Bestimmtes herausfinden zu wollen. Diese Willenskräfte gehen aus vom innersten Kern der Persönlichkeit, sind Ich-Substanz. (Wobei "Ich" hier nicht im alltäglichen Sinne gemeint ist als Bewusstsein vom eigenen Selbst, sondern im höheren Sinne als die in uns wirkende, bis in die unbewussten Organprozesse hinein prägende Persönlichkeitskraft.) Wir kommen also zu dem Ergebnis: Die unbewussten Augenbewegungen sind mittelbarer und unmittelbarer Ausfluss der freien, aktiven Ich-Tätigkeit.

Fernsehbilder sind keine gewöhnlichen Bilder

Die meisten Benutzer halten das Fernsehbild für ein Bild wie jedes andere - ein folgenschwerer Irrtum, wie die nächsten Abschnitte zeigen werden. Während Kinound Diaprojektoren vollständige Bilder auf die Leinwand werfen, vermag die im herkömmlichen Fernsehgerät verwendete Elektronenröhre grundsätzlich kein vollständiges Bild zu erzeugen. Es gibt in ihr nur einen einzigen, von der Kathode ausgehenden Elektronenstrahl, der beim Aufprall auf die Mattscheibe einen winzigen Leuchtpunkt erzeugt. Dieser eine Leuchtpunkt wird mit Hilfe von Ablenkspulen Schritt um Schritt über die gesamte Schirmfläche geschickt, wobei er einem festgelegten Rastersystem folgt, das aus 625 Zeilen zu je 833 Bildpunkten besteht (so die europäische Norm).
Während seines Durchgangs durch das Raster reproduziert der Elektronenstrahl Punkt für Punkt den von der Fernsehkamera vorgegebenen Farb- und Helligkeitswert, so dass in einer Art Mosaik das Bild aus 625 x 833 Einzelpunkten zusammengesetzt wird. Das alles vollzieht sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit: Die 520.625 Rasterpunkte bedient der Leuchtstrahl 25mal in der Sekunde, das bedeutet eine Leistung von rund 13 Millionen Punkten pro Sekunde!
Konkret ist es allerdings so, dass zwar 25 Bilder pro Sekunde gesendet werden, jedoch jedes Bild in zwei Raten oder Teilbildern: Zuerst schreibt der Elektronenstrahl von oben nach unten alle ungeradzahligen Zeilen auf den Schirm, dann in einem zweiten Durchgang alle geradzahligen Zeilen. Statt 25 Ganzbildern werden also 50 unvollständige Bilder dargeboten, von denen jedes eine Fünfzigstel Sekunde benötigt.

Zwangsbeschuss der Netzhaut

Wie reagieren nun die Augen auf ein so künstliches, fortwährend unvollständiges Bild? Nicht anders als bei einem Dia oder einem Gemälde versuchen sie, das Fernsehbild mit raschen Abtastbewegungen zu erkunden, um sich einen Gesamteindruck zu verschaffen. Sie fixieren also irgendeinen auffälligen Punkt, um ihn genauer zu mustern, doch ehe die Fixation überhaupt beginnen kann, ist der Elektronenstrahl längst weiter geeilt, die von ihm erregten Leuchtflecken verglimmen und sind im Nu verschwunden. Hier gibt es also nichts abzutasten.
Daher springen die Augen mit einer Saccade zu einem anderen Fixationspunkt, setzen zu einem weiteren Versuch an - und scheitern erneut: Was eben noch hell leuchtend hervorstach, zerrinnt im nächsten Moment zu konturlosen Schatten. Und so geht es fort:

Die Augen können springen, wohin sie wollen, nirgends finden sie ein bleibendes Objekt, das sich abtasten ließe. Der rasende Leuchtpunkt ist stets schneller.

Selbst wenn die Augen sich mit einer sehr kurzen Fixationszeit von 120 Millisekunden begnügen würden, hätte der Kathodenstrahl in dieser Zeit bereits sechs Teilbilder bzw. drei vollständige Bilder auf die Netzhaut geworfen. Bevor also die Augen Gelegenheit hatten, sich durch eigene Bemühung ein Bild zu verschaffen, ist das vom Kathodenstrahl gezeichnete Mosaikbild längst auf der Netzhaut angekommen, und dort hat es längeren Bestand als auf dem Bildschirm, weil die Netzhaut zu träge ist, um dem rasenden Lichtpunkt folgen zu können. Das vollständige, gleichmäßig ausgeleuchtete Bild, das wir auf dem Schirm zu sehen glauben, existiert in Wahrheit nur auf der Netzhaut.

Indessen ist hier mit einem gewichtigen Einwand zu rechnen:

Man könnte sagen, hier werde fälschlich davon ausgegangen, dass der vom Kathodenstrahl erzeugte Leuchtpunkt praktisch sofort wieder erlischt, während doch in Wirklichkeit der Nachleuchteffekt so stark sei, dass er die Zeit bis zum nächsten Durchlauf des Kathodenstrahls überbrücken könne.

-Das ist nur bedingt richtig. Ich zitiere dazu aus einem Fachbuch:

"Die vom Strahl getroffene Stelle des Bildes soll kurze Zeit aufleuchten, damit ein geschlossenes Bild aus allen Leuchtpunkten zustande kommt. Andererseits darf die Nachleuchtdauer nicht größer sein als 1/50 Sekunde, weil nach dieser Zeit der nächste Bildpunkt eintrifft und sonst bei schnellen Bewegungen das Bild "verschmiert" wird."
Man muss dazu wissen, dass eine vom Kathodenstrahl getroffene Stelle ihr Licht nicht geradlinig zum Zuschauer aussendet, sondern nach allen Seiten, so dass z.B. In einer ungeradzahligen Zeile um den eigentlichen Leuchtpunkt herum ein "Hof" entsteht, der auch in die benachbarten geradzahligen Zeilen hineinreicht. Da aber der Strahl beim Aufbau des zweiten Teilbildes schon nach einer Fünfzigstel Sekunde durch diese geradzahligen Nachbarzeilen wandert, würde es zu keiner sauber gekörnten Zeichnung kommen, wenn er nicht auf völlige Dunkelheit trifft.
Das Teilbild verglimmt also bereits, noch während es gezeichnet wird; wenn der Strahl bei den letzten Rasterpunkten ankommt, sind die ersten längst erloschen.
Somit bleibt es dabei, dass die Augen auf dem Schirm zu keiner Zeit ein vollständiges Bild vorfinden, das sie in der gewohnten Weise abtasten könnten, sondern immer nur ein schemenhaft verschwimmendes Gebilde, das kaum einen eigenen Zugriff erlaubt.

Anmerkung der Redaktion: dies gilt nicht mehr für Flachbildschirme mit LCD-Technik; dort ist das Bild statisch, also völlig flimmerfrei und jederzeit komplett sichtbar.

1 Barbara A. Dennison et al.: Television Viewing and Television in Bedrooum Associated With Overweight Risk Among Low-Income Preschool Children. In: Pediatrics Vol. 109, No.6, June 2002, pp.1028-1035

2 Vgl. dazu den Forschungsbericht von Nancy Signorielli: Ungesunde Botschaften. Medieneinflüsse auf das Gesundheits- und Ernährungsverhalten von Kindern. In: Franzmann et al.(Hg.): Auf den Schultern von Gutenberg. Medienökologische Perspektiven der Fernsehgesellschaft, Berlin / München 1995, S. 150-164

3 Näheres dazu in meinem Aufsatz "Kindheit verstummt. Sprachverlust und Sprachpflege im Zeitalter der Medien", abgedruckt in dem Buch Der gefrorene Blick. Physiologische Wirkungen des Fernsehens und die Entwicklung des Kindes, Stuttgart 22001.

4 Die nachfolgenden Passagen über den Sehvorgang beim Fernsehen sind Auszüge aus der kleinen Broschüre Fernsehtüchtig oder fernsehsüchtig?, die vom Verein für anthroposophisches Heilwesen, 75378 Bad Liebenzell, in der Reihe "Beiträge für eine bewusste Lebensführung in Gesundheit und Krankheit" als Nr.165 herausgegeben wird und dort für 4 Euro bezogen werden kann. Die wissenschaftlichen Quellenangaben sind in meinem Buch Der gefrorene Blick zu finden (siehe Anmerkung 3).

Weiter zum zweiten Teil des Beitrages.