Dr. med. Christa Keding
Psychologische Kinesiologie
"Psychoanalyse im Zeitraffer"
In der ganzheitlich orientierten Medizin führt heute kein Weg vorbei, psychische Ursachen und geistige Sinnfragen in den Heilungsprozess einzubeziehen. Selbst die Schulmedizin, in der das Potenzial dieser Sichtweise weitgehend ignoriert, abschätzig betrachtet und nur als ultima ratio genutzt wird, öffnet sich zunehmend Forschungszweigen wie z.B. der "Psychoneuroimmunologie". Dennoch haben konventionelle Therapieformen oft nicht den gewünschten Erfolg, und Alternativen befinden sich häufig noch in der Erprobungsphase. Hier kann die psychologisch-psychotherapeutisch orientierte Kinesiologie auf ungewöhnliche, aber überzeugende Art eine Lücke schließen.
Die Crux effektiver Behandlungen, besonders bei psychosomatischen Beschwerden, liegt nicht nur in dem schlechten Image psychisch begründeter Krankheiten, wodurch psychotherapeutische Hilfe oft verzögert oder gar nicht angenommen wird. Die Schwierigkeit liegt häufiger noch darin, glaubhafte Zusammenhänge zwischen psychischen Ursachen und Symptomen aufzudecken, und darüber hinaus zeigt die Erfahrung, dass alleinige Erkenntnis nicht zwangsläufig zu einer gewünschten Änderung des Symptoms oder der Situation bzw. zur Lösung des Konfliktes führt.
Die psychologische Kinesiologie ermöglicht dagegen zweierlei:
- Durch den Muskeltest werden aktuelle (emotionale) Stressfaktoren aufgedeckt, die dem Klienten / der Klientin oft unbewusst sind.
- Durch eine einfache therapeutische Handlung, das "Stress-Release", werden reflektorisch die aufgedeckten emotionalen Fehlsteuerungen korrigiert, wodurch neues Erleben und Handeln ermöglicht wird.
Diese Arbeitsschritte gelten sowohl für psychosomatische Erkrankungen wie auch für psychische Störungen im engeren Sinne, wie z.B. bei Ängsten, Konflikten, Süchten usw.; sie eignen sich für Menschen jeden Alters und für jede Lebenssituation und haben ihren Wert in der Akutbehandlung ebenso wie in einer Langzeitbegleitung.
Fallbeispiel:
Marina, sechs Jahre alt, kam mit ihren Eltern, weil sie extreme Angst vor Fremden, insbesondere Männern, hatte und zeitweise nachts einnässte. Da die Einschulung bevorstand, suchten die Eltern Hilfe, um Marina den Schulstart zu erleichtern. In der ersten Sitzung ergaben sich per kinesiologischem Test Hinweise auf ein Ereignis im zweiten Lebensjahr, das den Eltern nicht nachvollziehbar schien:
Eine erschreckende Begegnung mit einem fremden Mann im eigenen Haus.
Die Eltern hielten diese Möglichkeit für ausgeschlossen und erbaten sich Bedenkzeit. Beim zweiten Termin hatten die Eltern weiterhin keine eigene Idee, trotz intensiver Recherchen und Überlegungen. Ergänzende Testungen, die die Farbe Rot als Stressor identifizierten, hinterließen ebenfalls Ratlosigkeit, bis der Test auch zeitlich ein konkretes Datum fixierte:
Vorweihnachtszeit!
Marina war zu dem Zeitpunkt ein und ein halbes Jahr alt, und die Eltern hatten, um sie zu überraschen, einen als Nikolaus verkleideten Studenten ins Haus bestellt, bei dessen Anblick Marina in Panik ausgebrochen war. Nachdem sich dieser schlüssige Zusammenhang herausgestellt hatte, ließ Marina ein Stress-Release zu. Sie wurde später problemlos eingeschult, bei einem männlichen (!) Klassenlehrer, und verlor ihre allgemeine Angst vor Fremden ebenso wie das nächtliche Einnässen.
Der Einsatz des kinesiologischen Muskeltests macht, etwas großspurig gesagt, eine "Psychoanalyse im Zeitraffer" möglich (was, dies sei vorausgeschickt, in der Regel bewusste Verarbeitungsprozesse, zumindest bei Erwachsenen, nicht ersetzt!). Beim Muskeltest wird die Tatsache genutzt, dass die willkürliche neuromuskuläre Aktion in Alarmsituationen für einen Augenblick entkoppelt wird, um autonomen Reaktionsmustern Raum zu geben (siehe "Gesund durch analytische Kinesiologie"). Also wird unter Stress eine willkürlich intendierte Handlung für einen kurzen Moment, nämlich während der unbewusste Einfluss dominiert, unterbrochen. Für die "Psychoanalyse" bietet es sich an, diese allgemeingültige Muskelreaktion am gehaltenen Arm zu überprüfen. Im Armhaltetest, bei dem der Klient einen Arm gestreckt vor sich hält und der Therapeut ihn mit Druck nach unten bewegen will, gelingt es dem Klienten nicht, diesem Druck standzuhalten, sobald er mit einem Stressreiz konfrontiert wird.
Um im speziellen Fall die für PatientIn und Situation passenden Stressoren auf ökonomische Weise herauszufiltern, bedient sich die Kinesiologie vorgegebener "Suchlisten". Diese müssen die Bedingung erfüllen, die wesentlichen - archetypischen - emotionalen Stressfaktoren des menschlichen Lebens zu repräsentieren. Die Kinesiologie greift dabei auf bewährte Traditionen zurück, indem sie für die Identifizierung der Stressfaktoren die Fünf-Elemente-Lehre der chinesischen Medizin heranzieht. In ihr sind allen Meridiansystemen spezifische Emotionen zugeordnet, die sich zwar auch in unserer Umgangssprache finden (man nimmt sich etwas zu Herzen, es schlägt auf den Magen usw.), in den Meridian-Emotionen jedoch klar systematisiert sind. So gehören z.B. zum Herz-Meridian der Zentralbegriff Liebe sowie dem zugeordnet z.B. Selbstwert, emotionale Sicherheit, Vergebung, aber auch der Gegenpol Hass. (Im obigen Fallbeispiel führte eine Schwächung des Blasenmeridians zu den Begriffen Schrecken und Panik.)
Gebunden ist der Muskeltest an diese Schemata nicht, aber es erleichtert die Suche, sich an schon bestehenden Vorgaben zu orientieren. Selbstverständlich können auch völlig andere Bezugssysteme gewählt werden, wichtig ist nur, dass diese das Spektrum menschlicher Erlebensweisen umfassen. Einen geeigneten Zugang bieten z.B. auch die Bedeutungen von Farben, darüber hinaus gibt es noch viele andere Varianten und Erweiterungen.
Sobald die zentralen Emotionen über den Muskeltest identifiziert sind, die zu einem störenden Muster oder einer Blockade gehören, wird deren Ursprung im konkreten Lebenszusammenhang nachvollzogen.
Auf der "Zeitschiene" (Benennung einzelner Lebensabschnitte) findet sich das Lebensalter, in dem eine Prägung ihre Wurzel hat, und daraus ergibt sich folglich das dazugehörige Lebensumfeld des Klienten mit den involvierten und verantwortlichen Personen. Üblicherweise führen fast alle blockierenden Lebensmuster in Erfahrungen der frühen Kindheit zurück.
Auf diese Weise kristallisiert sich in der Regel durch den kinesiologischen Test das Ausgangsbild einer prägenden, oft traumatisierenden Grundsituation heraus:
Ein gestörtes Gefühl wird seiner primären Entstehung in einem Lebensalter sowie den daran beteiligten Personen bzw. Situationen zugeordnet. Je genauer und tiefer die Wurzel einer Prägung erfasst wird, desto effektiver wird das Ergebnis einer emotionalen Lösung über das anschließende Stress-Release.
Die Stressoren, die für eine Problemsituation oder eine psychosomatische Erkrankung des Patienten von Bedeutung sind, werden konkret identifiziert durch Konfrontation (Aussprechen) mit dem jeweiligen Begriff und gleichzeitigem Muskeltest des gehaltenen Armes. Der Muskel bleibt kontrolliert bzw. stark (+), solange der Begriff neutral besetzt ist, der Arm gibt nach (-), sobald mit einem Begriff unterbewusst Stress assoziiert wird.
Fallbeispiel:
Ein 45-jähriger Prokurist hatte seit einigen Monaten heftige allergische Reaktionen mit asthmatischen Beschwerden, ähnlich wie in einigen Jahren seiner Kindheit. Der kinesiologische Test wies über die Modalitäten auf eine ausschließlich emotionale Ursache hin. Zur aktuellen Lebenssituation gab der Patient an, dass seine Ehefrau seit einiger Zeit immer wieder unter Infekten und Erschöpfungszuständen litt, so dass er sich zusätzlich zum Beruf um sie, um häusliche Aufgaben und um die Versorgung der beiden Söhne kümmern musste.
Die dem Lungenmeridian zugeordneten Emotionen "Geringschätzung" (-) und "Bescheidenheit" (-) lösten bei ihm sofort Assoziationen zu Kindheitserfahrungen aus:
Beide Eltern hatten ständig gekränkelt und volle Aufmerksamkeit beansprucht; wenn er hingegen Probleme hatte, krank war oder Bedürfnisse äußerte, wurden ihm Egoismus und Rücksichtslosigkeit vorgeworfen, es hieß, er sollte sich nicht so wichtig machen. Oft musste er sich notdürftig selbst versorgen, wenn ein erkrankter Elternteil vom anderen betreut werden musste oder gar beide krank waren.
Die zeitliche Zuordnung und der Test der beteiligten Personen bestätigten die Assoziation des Patienten:
Neben der Gegenwart (-) (ständige Krankheit der Ehefrau) zeigte das fünfte Lebensjahr (-) "Alarm" an sowie Mutter (-) und Vater (-). Also hatte ihm das Verhalten der Eltern im Alter von vier Jahren, als er selbst noch volle Zuwendung gebraucht hätte, schon Zurückhaltung und Bescheidenheit in eigenen Belangen eingeimpft, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben.
Nach einem Stress-Release zu diesem Thema verloren sich die allergischen Reaktionen vollständig. Mit seiner Ehefrau fand er konstruktive Lösungen für den Alltag, und auch ihr gelang es wenig später, die Ursachen ihrer Infekte und Erschöpfung aufzudecken und zu überwinden.
Das ursprüngliche Prägungsmuster kann zusätzlich verdeutlicht werden, indem der Patient die alte, untaugliche Erfahrung in einem Glaubenssatz formuliert; im Sinne des "kinesiologischen Lügendetektors" wird der Muskel stark reagieren (+), wenn dieser Glaubenssatz verinnerlicht wurde. In einer Art Gegenprobe verbalisiert er dann das positive Ziel der Arbeitssitzung, was (vor dem Stress-Release) per Muskeltest (noch) negiert wird (-).
Im obigen Beispiel reagierte der Armmuskel stark bei der Aussage:
"Die anderen Menschen haben Vorrang vor meinen eigenen Bedürfnissen" (+), er gab nach und zeigte somit Widerspruch=Stress an bei der Formulierung:
"Auch ich habe das Recht auf Erfüllung meiner Bedürfnisse" (-).
Mit einer solchen Überprüfung von Glaubenssätzen wird den KlientInnen der innere Konflikt noch einmal veranschaulicht, der innere Widerspruch aufgedeckt zwischen Wünschen und Können und gleichzeitig eine neue Zielorientierung angesprochen.
Die Einfachheit dieser kinesiologischen Analysen ist frappierend, verführt jedoch auch leicht zum Schematisieren:
Nach unseren langjährigen Erfahrungen bringt mechanistisches Arbeiten Teilerfolge und verlangt nach immer neuen Sitzungen und Regulierungen, ja es impliziert eher die Tendenz, dass PatientInnen sich von der Methode abhängig machen, statt Autonomie zu entwickeln. Verbindet man jedoch die Suche nach der Wurzel einer Fehlsteuerung mit empathischer Resonanz, so verstärkt sich das Verstehen bei den PatientInnen; Urteilsfähigkeit, Einsichtsvermögen und Eigenständigkeit wachsen, und schließlich kann der therapeutisch-begleitende Prozess erfolgreich abgeschlossen werden.
Weiter zum zweiten Teil des Beitrages.
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